Der Fänger im Roggen
Jerome D. Salinger

Roman
Originaltitel: The Catcher in the Rye
Erste Buchausgabe: 1951
Gelesene Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, 271 Seiten
Auflage 1975
Rezension vom Juni 2024



Vielleicht hätte ich mir wirklich die Zeit nehmen und mit meinen bescheidenen Englischkenntnissen die amerikanische Originalausgabe lesen sollen, in der an 255 Stellen "goddam" und an 44 Stellen das Wort "fuck" steht und das Buch deswegen in verschiedenen angelsächsischen Ländern zunächst einmal verboten wurde. Dabei geht es mir nicht um diese Wörter, sondern um den unverfälschten Originaltext von Jerome D. Salinger aus dem Jahr 1951. Man findet antiquarische Taschenbuchausgaben, es muss ja nicht gleich eine signierte Erstausgabe sein, die ich im ZVAB für einen sechsstelligen Erwerbspreis entdeckt habe. Vielleicht hätte ich mich erst nach der Originalversion mit der deutschen Übersetzung befassen sollen. Vermutlich wäre ich von dieser dann enttäuscht gewesen. Jetzt bin ich nur etwas irritiert. Warum?


Für meine Buchbesprechung liegt eine Ausgabe von 1975 des Kiepenheuer & Witsch Verlags vor. Die erste Übersetzung in die deutsche Sprache fand schon bald nach Erscheinen des Originals 1951 durch die Schweizerin Irene Muehlon statt. Das Buch erschien 1954 im Diana Verlag Zürich unter dem Titel "Der Mann im Roggen". Allerdings übertrug Frau Muehlon den Text auf Basis einer bereits überarbeiteten englischen Variante, worin die Jugendsprache des Protagonisten nicht übernommen und ganze Textpassagen gestrichen worden sind. Heinrich Böll und seine Frau Annemarie überarbeiteten dann für den Kiepenheuer & Witsch Verlag 1962 diese erste deutsche Übersetzung, als Vorlage wurde die Ausgabe des britischen Penguin-Verlags verwendet, für die die Lektoren ebenfalls schon über achthundert Änderungen am Text vorgenommen hatten.


Man stelle sich dies einmal vor. Dieses Buch, das weltweit in über dreissig Sprachen übersetzt und über sechshundert Millionen mal verkauft wurde, das für viele Jugendliche als Bibel im stillen Widerstand gegen die verlogene amerikanische Gesellschaft der 1940er und 1950er Jahre verstanden und sogar in der Tasche des Mörders von John Lennon gefunden worden war, ist ein Paradebeispiel für die Abänderung eines Originalwerks. Im Jahr 2003 kam es noch einmal zu einer neuen Übersetzung. Eike Schönfeld soll die stilistischen Qualitäten des Romans in neuem Glanz zeigen, orientierte sich dabei aber an einer moderneren Umgangssprache. Nun denn. Wie lange wird es wohl dauern, bis dieser moderne Klassiker und Kultroman, der inzwischen in zahlreichen englischsprachigen Colleges und Universitäten als Pflichtlektüre gilt, in eine noch zeitgemässere Sprache übersetzt wird? Denn wir finden einige Ausdrücke im Text, die heute als diskriminierend verstanden und sofort umgeschrieben oder eliminiert werden würden. Aber ich möchte nicht auf diesen Übersetzungsgeschichten herumreiten. Das Buch ist genial und gefällt mir trotzdem.

Komischerweise dachte ich aber an etwas anderes, während ich meinen Spruch aufsagte. ich wohne in New York, und ich dachte an den See im Central Park, in der Nähe von Central Park South. Ich dachte, ob er wohl zugefroren wäre, wenn ich heimkäme, und wo dann wohl die Enten hingingen. Ich fragte mich, was aus den Enten würde, wenn der ganze See zugefroren wäre. Ob wohl einer mit einem Auto käme und sie in einen Zoo oder sonst irgendwohin brächte. Oder ob sie einfach fortflögen. (S. 22)
Drei Tage im Leben des sechszehnjährigen Holden Caulfield sind Inhalt dieses Romans. Genau gesagt die letzten drei Tage, bevor er krank wird und sich zur körperlichen und geistigen Erholung in ein Sanatorium begeben muss, wo er sich in Ich-Form an seine Leserschaft wendet und seine Geschichte erzählt. Holden will nicht seine ganze verfluchte Autobiographie oder etwas Ähnliches schreiben, um in seinen Worten zu sprechen, er will nur die verrückten Sachen erzählen, die sich vor Weihnachten abspielten, bevor er vollkommen zusammenklappte. Hierbei nimmt der Samstag, an dem Holden zum vierten Mal aus einer Internatsschule fliegt und noch ein paar Begegnungen mit Schulkollegen auszustehen sind, ehe er die Schule noch vor Beginn der Weihnachtsferien verlässt und mit dem Zug nach New York fährt, fast die Hälfte des Buches ein.


Es beginnt Samstag nachmittags an der Schule in Pencey, die Holden aufgrund sehr schlechter Leistungen verlassen muss. Dem Fussballspiel, dem alle beiwohnen, bleibt er fern, denn als Kapitän der Fechtmannschaft hat er dafür gesorgt, dass ein Fechtturnier abgeblasen werden musste, weil er die Ausrüstung in der U-Bahn liegen gelassen hat. Eine Rauferei mit seinem Zimmergenossen Stratlader gibt schliesslich den Ausschlag dafür, dass Holden noch spät abends seine Sachen packt und sich in den Zug nach New York setzt. Dort bezieht er ein Zimmer in einem Hotel. Obwohl seine Elternwohnung nicht weit entfernt liegt, will Holden es vermeiden, dass seine Eltern frühzeitig von seinem Rausschmiss erfahren. Er würde gerne jemanden anrufen, weil er sich allein fühlt, doch es ist spät, und so sucht er Gesellschaft im Nachtclub des Hotels, wo er mit drei Frauen tanzt. Später lässt er sich mit einem Taxi zu einem anderen Nachtclub fahren, nervt den Taxifahrer mit seinen Fragen über die Enten im zugefrorenen See, und weil er auch dort nicht bleiben will, spaziert er trotz der winterlichen Kälte den langen Weg zum Hotel zurück. Später lässt er eine Prostituierte auf sein Zimmer kommen, die er unverrichteter Dinge, aber nach Bezahlung, wieder wegschickt. Eigentlich wollte er nur reden.
Am nächsten Tag verabredet er sich mit Sally Hayes, einer netten Bekanntschaft, mit der er früher immer Dame gespielt hat, zur Matinee, bringt seinen Koffer in ein Gepäckfach bei der Central Station, frühstückt dort in einer Sandwich-Bar, wo er zwei Nonnen begegnet, die sich mit ihm über Literatur und Romeo und Julia unterhalten, und denen er Geld spendet, und weil er bis zur Verabredung noch Zeit hat, unternimmt er einen langen Spaziergang über den Broadway, wo er sich über all die Menschen nervt, die vorsätzlich sonntags ins Kino gehen, kauft seiner kleinen Schwester eine Grammophonplatte, schaut Kindern im Park beim Spielen zu, will ins Museum und geht dann doch nicht hin, und betrinkt sich abends nach einem ernsten Gespräch mit einem ehemaligen Schulkollegen in einer Bar, nachdem der Nachmittag mit Sally Hayes gründlich in die Hosen geht. Er möchte, dass sie mit ihm durchbrennt, was sie nicht begreifen kann, woraufhin er ihr unterbreitet, er würde Bauchkrämpfe von ihr bekommen.


Völlig betrunken macht er sich spät abends auf den Weg zum See im Central Park, wo er die Enten aufsucht und nicht finden kann, setzt sich auf eine Parkbank, aufgrund der eisigen Kälte am ganzen Körper schlotternd, bildet sich ein, an Lungenentzündung sterben zu müssen, und beschliesst aufgrund dieser beängstigenden Vorstellung, nach Hause zu gehen und seine kleine Schwester Phoebe in ihrem Zimmer aufzusuchen. Ein Besuch mit Folgen, denn die kleine Phoebe redet ihm ins Gewissen und sorgt am nächsten Tag mit ihrer aufmüpfigen Art dafür, dass Holden eine wichtige Entscheidung treffen muss.

Daraufhin sagte Phoebe etwas, aber ich konnte sie nicht verstehen. Sie hatte den Mund so im Kissen, dass man sie nicht verstehn konnte. "Was?" fragte ich. "Komm mit deinem Mund aus dem Kissen. Ich versteh kein Wort, wenn du so da liegst." "Du kannst überhaupt nichts ausstehn." Als sie das sagte, wurde ich noch viel deprimierter. "Doch. Doch, sicher. Sag das nicht. Warum zum Kuckuck sagst du so etwas?" "Weil du gar nichts gern hast. Die Schulen hast du nicht gern, und überhaupt alles hast du nicht gern. Einfach nichts." (S. 214/215)

Der Buchtitel geht auf das Gedicht "Coming through the Rye" des schottischen Lyrikers Robert Burnes zurück, das zu einem bekannten Kinderlied wurde. Den Text des Refrains "falls jemand jemanden trifft, der durch den Roggen geht", deutet Holden für sich um. Er stellt sich vor, in einem Roggenfeld am Rand einer Klippe zu stehen und dort spielende Kinder vor dem Sturz in den Abgrund zu bewahren. Bei dieser Vorstellung fühlt er sich besser, hier wird Holdens Beschützerinstinkt deutlich, sein Verantwortungsgefühl, das auch in der Begegnung mit seiner kleinen Schwester Phoebe spürbar ist. Holden ist, obwohl alles andere als angepasst, lernfreudig, zielorientiert oder einsichtig, ein sehr intelligenter, belesener, sensibler und rechtschaffener Bursche, der sich einsam, unverstanden und meist deprimiert fühlt, der von sich selbst behauptet, der dümmste seiner wohlhabenden Familie zu sein, und der an allem etwas auszusetzen hat. Schwierig ist es, erwachsen zu werden, wenn man nicht gehört wird, wenn die Welt, die einen erwartet, so aufgeblasen und verlogen ist.


Und Verlogenheit kann er nicht ausstehen. Auch Geld spielt für ihn keine Rolle, obgleich er minderbemittelte Schulkollegen, aber auch Snobs, eigentlich die gesamte Schülerschaft und Erwachsenenwelt abwertend und kritisch beurteilt. "In New York kommt es nur auf Geld an, im Ernst", oder "Weit und breit nur Idioten." Holden sieht in der wohlhabenden Gesellschaft - schliesslich hat er immer Schulinternate besucht und kennt kaum etwas anderes - nur Aufgesetztheit und Unnatürlichkeit, das alles macht ihn rasend. Er kann überhaupt nichts ausstehen, sträubt sich gegen alles, kann nichts und kaum jemandem etwas Positives abgewinnen. Ein klassischer Rebell schlechthin. Gewisse Parallelen kann man mit Grady ziehen, der Protagonistin in Truman Capotes "Sommerdiebe", die im selben Alter und aus reichen Familienverhältnissen stammend auch ziellos durch die Strassen von New York zieht. Die Geschichte spielt sogar zur selben Zeit. Holden und Grady hätten sich im Central Park durchaus begegnen können. 


Holden fehlt Geborgenheit und Aufmerksamkeit. Ihm fehlt sein jüngerer Bruder, der an Leukämie verstarb. Deshalb stellt er sich auch oft vor, angeschossen zu sein und aus Schusswunden zu bluten, oder an Lungenentzündung zu sterben, dann würden Millionen Menschen zu seiner Beerdigung kommen. Oder erzählt der Mutter eines Schulkollegen, er müsse nach Hause fahren, weil ein Hirntumor entfernt werden müsse. Oder zieht sich gedanklich in eine einsame Blockhütte zurück, die nur Menschen besuchen dürfen, die nicht verlogen sind. Um Holden psychoanalytisch zu durchleuchten, müsste man das Buch wohl mehrmals lesen und ein besonderes Augenmerk auf seine Sprach- und Verhaltensmuster legen. Man kann das Buch aber auch einfach nur geniessen und Freude an Holdens witziger Erzählweise haben.

Ich hatte "Der Fänger im Roggen" vor vielen Jahren schon einmal gelesen. Inhaltlich ist mir das Buch in den wenigsten Einzelheiten noch präsent gewesen. Sprachlich blieb es immer irgendwo im Hinterkopf hängen, allerdings hatte ich diesen Ideolekt, wie die individuelle Sprache eines einzelnen Menschen - Ausdrucksweise, Wortschatz und Sprachverhalten -, genannt werden, etwas kantiger und salopper in Erinnerung. Ulrich Plenzdorf nimmt in seinem Buch "Die neuen Leiden des jungen W." auf Salingers Holden Caulfield immer wieder Bezug, indem er Holden seinem Protagonisten Edgar Wibeau gewissermassen zum Vorbild macht und Edgar auch in seinem eigenen Jugendslang erzählen lässt. Heute finde ich, dass Edgar Wibeaus Sprachduktus origineller wirkt als Salingers Holden Caulfield. Doch vergleiche ich hier Äpfel mit Birnen, denn Salingers Wogen wurden durch einige Lektoren und Übersetzungen ja geglättet.

Ich kann mich für Autoren, die sich für die Charakterisierung ihres Protagonisten eines individuellen Sprachausdrucks bedienen, sehr begeistern. Ich betrachte das als wahre Schreibkunst. Steinbecks "Von Mäusen und Menschen" fällt auch in diese Kategorie. Oder die Bücher von Cormack McCarthy. Das ist bei Werken von Kafka beispielsweise, den ich auch sehr schätze, nicht der Fall. Seitenlang lässt Kafka seine Figuren sprechen und von allen Seiten beleuchten, aber sie pflegen alle dieselbe intellektuelle Sprache. Was mir an Holden Caulfields Erzählweise besonders gefällt und mich immer wieder zum Schmunzeln bringt, sind seine überzeichnenden Schilderungen und Generalisierungen, die sich fernab jeglicher Realität bewegen.


"Der Fänger im Roggen" ist Salingers einziger Roman, und trotzdem gilt er heute als einer der meistgelesenen und meistrezensierten amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. In der amerikanischen Literaturgeschichte werden die Jahre von 1948 bis 1959 sogar als Salinger era bezeichnet.

Ich ging also auf und ab und wartete auf diese Nutte. Dabei hoffte ich immer, dass sie hübsch wäre. Besonders wichtig war mir das zwar nicht. Eigentlich wollte ich es nur rasch hinter mich bringen. Endlich klopfte jemand, und als ich zur Tür ging, stand mir mein Koffer im Weg, so dass ich darüber fiel und mir fast das Knie zerschmettert hätte. Ich falle immer im passenden Moment über einen Koffer oder sonst was. (S. 121)
Der Verlag Kiepenheuer & Witsch bringt das Buch heute immer noch in gebundener Ausgabe und im Taschenbuchformat heraus. Ein Klassiker, ein Kultbuch auf der Backlist des Verlags, das ich jedem empfehlen kann. 

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