Der letzte Satz
Robert Seethaler

Roman
Erste Buchausgabe 2020
Gelesene Ausgabe: Carl Hanser Verlag
126 Seiten

2. Auflage 2020
Rezension vom Juni 2024



Wie könnten sich die letzten Stunden eines Menschen anfühlen, der Mitte fünfzig noch nicht erreicht hat, eines harten, leidenschaftlichen, arbeitsintensiven Lebens müde ist, dessen Körper seinen Dienst getan hat und der Tod unmittelbar bevorsteht? Dieses Thema nimmt Robert Seethaler in seinem Roman "Der letzte Satz" auf, in dem er Gustav Mahler einige Lebensstationen und Momente seines kurzen Lebens Revue passieren lässt, während er auf dem Sonnendeck des Dampfschiffs Amerika sitzt, von New York nach Europa unterwegs ist, und alles in ihm schmerzt. Es ist seine letzte Reise. Dabei könnte Gustav Mahler eine x-beliebige Person sein, der dieses Schicksal widerfährt, denn zwar geht es in diesem kurzen, nur hundertsechsundzwanzig Seiten langen Roman, der sich wie eine Novelle liest, wohl um die Lebensbilanz des weltberühmten Komponisten, aber auch, oder hauptsächlich, um innere Prozesse, um Momente des Schmerzes und Bedauerns, der Reue und Schuld, der Liebe und des Glücks, um die Rückschau eines dem Tode geweihten Mannes, der das Leben zwar geliebt, es aber nie richtig zu fassen bekommen hat.


Es war nicht explizit das Thema, das mich zu diesem Buch hatte greifen lassen, obwohl mich solch tiefgründige Anschauungen, die den Menschen ausmachen, immer reizen. Ich wollte einfach einmal ein Buch von Robert Seethaler lesen, von dem noch mehrere in meinem Regal stehen. Robert Seethaler ist Österreicher, lebt in Wien und Berlin, und hat beinahe denselben Jahrgang wie ich, was ich immer besonders spannend finde:  Schriftsteller zu lesen, die von einem mir ähnlichen Zeitgeist geprägt sind. Manchmal kommt mir dabei der neidlose und anerkennende Gedanke, schau, der hat es geschafft, wo würde ich wohl heute stehen, wenn meine eigenen Bücher damals bekannt geworden wären und ich als Schriftsteller meinen Weg gemacht hätte. Dies sind Gedanken ohne jegliche Reue und Wehmut. Dinge kommen immer so, wie sie kommen müssen.



So auch in Gustav Mahlers Leben, in das wir mit "Der letzte Satz" nur bruchstückweise Einblick erhalten. Eine die Wirklichkeit abbildende Biografie wäre auch viel umfassender und komplexer. Gewiss wird Robert Seethaler sich eingehend mit Gustav Mahlers Person befasst und fundiert recherchiert haben. Und: anhand weniger Stationen und rückgeschauter Ereignisse versucht er Mahlers Befindlichkeiten zu erfassen, was so bestimmt in keiner Literatur über Mahler zu finden ist. Es ging dem Autor nicht darum, weitere Literatur zu dem weltberühmten Komponisten zu schaffen, der von 1860 bis 1911 gelebt hat, sondern um eine mögliche Innenschau, die sich durchaus so manifestiert haben mag. "Der letzte Satz" ist keine Biografie, bestenfalls ein Roman mit historischem oder biografischem Hintergrund. Weder die Geschichte der Musik noch die musikalischen Werke Mahlers stehen im Mittelpunkt. Man muss kein Musikkenner sein und sich auch nicht mit Mahler beschäftigt haben, um diesen Text geniessen zu können. Es geht nicht um Meisterschaft oder Genialität, es geht um eine Lebensbilanz, und um Abschiednehmen.

Er hatte sich nie gesund gefühlt. Es lag in der Familie: Von den dreizehn Geschwistern starben sechs im frühen Kindesalter, insofern konnte man das Kind Gustav schon als Überlebenden bezeichnen. Seit seiner Schulzeit litt er unter Migräne, Schlaflosigkeit, Schwindelanfällen, entzündeten Mandeln, schmerzenden Hämorrhoiden, einem gereizten Magen, einem unruhigen Herzen. Er biss auf den Innenseiten seiner Wangen herum, bis sie bluteten, er fuchtelte mit den Händen und stampfte beim Dirigieren, bisweilen auch während des Stehens oder Gehens, unkontrolliert mit dem Fuss in den Boden.  (S. 15)
Während Mahler also, in warme Decken gehüllt, auf dem Oberdeck des Dampfers Amerika hockt und seine Frau Alma und seine Tocher Anna ein Deck tiefer am Frühstückstisch sitzen, kämpft er gegen seinen körperlichen Schmerz an, leckt sich seelische Wunden und lässt den Leser daran teilhaben, was in seinem Leben war, und was hätte sein können. Er ist mit einundfünfzig noch nicht bereit zu sterben, und der Tod ängstigt ihn. 


In seinen Rückblicken taucht unter anderem Maria auf, die jüngere seiner beiden Töchter, die im Alter von vier Jahren an einer Scharlach-Diphterie-Erkrankung starb, und über deren Tod weder er noch seine Frau Alma hinweggekommen sind. Jetzt glaubt er neben den lauten Motorengeräuschen sogar ihre Stimme wahrzunehmen. Er muss daran denken, wie er im Sommer mit ihr auf dem Rücken auf den See hinausgeschwommen und weit draussen wieder umgekehrt ist. Seine Frau Alma hatte ihn dafür getadelt, er musste ihr versprechen, so etwas Unverantwortliches nie wieder zu tun. In der Rückschau nun hadert er mit sich selbst. «Es hätte alles anders kommen können. Wir hätten hinüber ans andere Ufer schwimmen sollen. In der Mitte umzukehren war ein Fehler. So etwas macht doch kein Mensch.» Es wird nicht deutlich, inwiefern dieser Selbstvorwurf metaphorisch gemeint oder genau auf dieses Ereignis gemünzt ist.


Eine andere Episode beschreibt seinen Besuch beim Künstler und Bildhauer Auguste Rodin in Paris, der für Mahler eine Büste herstellen soll, ein Geschenk von Almas Stiefvater zu Mahlers fünfzigstem Geburtstag. Mahler sträubt sich dagegen, ihm ist die Sache zuwider. Sein innerer Widerstand wird beim Besuch in Rodins Residenz deutlich und trägt nicht zur Sympathie seiner Person bei und aus seiner Sicht auch nicht zu Rodins. Mahler lässt den Akt über sich ergehen und sitzt aufmüpfig Modell.
Und dann ist da die Sache mit dem Liebesbrief des Baumeisters Gropius an Alma, der irrtümlicherweise an Mahler adressiert gewesen war. Es kommt zwischen Alma und Mahler zur Aussprache bei einem Spaziergang in die Natur, eine tragische Begebenheit, die in Mahlers Gedächtnis nur noch schemenhaft auftaucht, nachdem Alma damals umgekehrt und ihn stehen gelassen hat, und die eigentlich nur das widerspiegelt, was unausgesprochen jahrelang zwischen ihm und seiner zweiundzwanzig Jahre jüngeren Frau, der schönsten Frau Wiens, gestanden hat. Alma vereinsamte neben ihm, neben dem berühmten Dirigenten, Komponisten und Opernregisseur, der die Wiener Oper revolutionierte, zahlreiche Musiker mit seiner Strenge an ihre Grenzen trieb, und später an der Metropolitan Opera von New York Konzerte gab, die während seiner gesamten Schaffenszeit in die Hunderte gingen. Alma, die er mit 41 Jahren heiratete, die er immer geliebt und in ihrem Wesen doch nie erkannt hatte. Es waren ihre Hände, an die er sich immer zuerst erinnerte, wenn er an sie dachte.


Die wenigen Seiten, auf denen Seethaler über den Besuch von Mahler bei Freud schreibt, scheint mir etwas dünn geraten. Mahler wird krank und fiebert, sucht danach bei dem berühmten Psychoanalytiker Antworten für seine Schwermut und seinen Liebeskummer. Er reist mit der Bahn nach Holland, ist zwei Tage unterwegs, um mit Freud einen Nachmittagsspaziergang zu machen, auf dem die Antworten mehr oder weniger ausbleiben (Mahler scheint an einem Mutterkomplex gelitten zu haben, worauf Seethaler nicht eingeht). Es kommt mir vor, als wollte Seethaler den Besuch bei Freud einfach noch erwähnt haben, und vielleicht hätte es der Geschichte gut getan, ihn entweder wegzulassen oder aber ihm mehr Tiefe zu schenken. Wie anderen Episoden auch.

Vielleicht war es die Energie, die sich aus dem Widerstand erhebt, eine Art sture Wut, die das Orchester an seine Grenzen und darüber hinaus trieb. Er hatte es oft erlebt: Verzweiflung, Verweigerung, Zusammenbruch, letztendlich aber Durchbruch und Auflösung. Zumindest solange die Wut und die Kraft reichten. Wenn nicht, blieb es bei der Verzweiflung. Doch selbst dann musste es weitergehen. Alle Durchbrüche waren nichts weiter als ein kurzes Innehalten, ein Durchschnaufen auf dem Weg.  (S. 58)

Man fragt sich nach der Lektüre generell, wieviel aus diesen kurzen Einblicken in Mahlers Leben sich tatsächlich so zugetragen haben mag, ob Mahler tatsächlich so gedacht und gefühlt haben mochte. Ein umfassenderes Bild über seine Lebensstationen erhält man wohl erst, wenn man sich in die Literatur über Mahler vertieft. Aber vielleicht will man das gar nicht und begnügt sich mit Seethalers prägnanter, lakonischer, schöner Erzählung. Vielleicht stellt man sich auch Fragen über die eigene Lebensbilanz und zum Tod. Was man zurücklässt, zu schätzen verpasst oder anders gemacht hätte, wenn man einmal geht. 


Mahler schien kein angenehmer Geselle und Mitmensch gewesen zu sein, das kann man den Schilderungen Seethalers zumindest entnehmen. Operndarsteller und Musiker fürchteten ihn. Dennoch schien er ein hochsensibler, schöpferischer, liebender, naturverbundener, für kleinste Dinge empfänglicher Mensch gewesen zu sein, sich immer krank fühlend und schwermütig denkend. In der Natur und Zurückgezogenheit, in seinen Komponierhäuschen fand er die nötige Inspiration für seine Kompositionen. Und doch schien das Wesentliche des Lebens an ihm vorbeigezogen zu sein. Er war von einer undefinierbaren Schuld erfüllt, haderte mit seiner jüdischen Herkunft. Auch mit der Oper. Sie habe die Musik verhunzt. Er hätte gerne mehr Musik geschrieben und weniger Opern dirigiert.

"Ich sollte noch ein bisschen bleiben", sagte er laut. Doch da hörte er seine eigene Stimme schon nicht mehr. Er merkte auch nicht, wie sich seine Finger lösten und er bei dem Versuch, sich etwas weiter über die Reling zu lehnen, zusammensackte und mit den Knien aufs Deck schlug, nur Sekunden ehe die Schritte der Männer die Treppe hochgepoltert kamen, ihre Stimmen, die harten, klaren Anweisungen des Deckoffiziers, die nach Teer riechenden Hände, die ihn packten, und die Arme, auf denen er fortgetragen wurde wie ein schlafendes Kind, während weit draussen das Wasser zu brodeln begann und sich nur einen Augenblick darauf ein Schwarm Fische erhob, silbern und flirrend und so gewaltig, dass er das ganze Meer in seinen Schatten zu legen schien. (S. 118/119)

Das letzte Kapitel erzählt von dem Schiffsjungen, der sich auf der Reise um den Herrn Direktor, wie dieser von ihm angesprochen wurde, kümmert. Einen Sommer nach der Schiffsreise auf der Amerika arbeitet der Junge auf den Docks im New Yorker Hafen und sichtet in einer Kneipe eine Zeitung, in der er das Bild von Mahler erkennt. Da er kein Englisch versteht, lässt er sich den Inhalt des Artikels vom deutschen Wirt erklären und erfährt so vom Tod Mahlers.


"Der letzte Satz" ist ein Buch, das man in einem Zug durchlesen kann. Die Geschichte, der überschaubare Umfang, den wir eher von Novellen kennen, und Robert Seethalers prägnanter, ruhiger Erzählstil laden dazu ein. Der Autor benutzt viele kurze Hauptsätze, lange verschachtelte Sätze kommen kaum vor, und Dialoge setzt er nur dann ein, wenn sie enorme Aussagekraft besitzen. Bei Seethaler sitzt jedes Wort, er versteht es, den Leser mitzunehmen. Ich kann das Buch mit guten Gewissen zur Lektüre empfehlen.

Das Buch ist im Carl Hanser Verlag erhältlich und wird im Buchhandel im Taschenbuchformat, in gebundener Ausgabe, als Hörbuch und als eBook  angeboten.

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