März 2023

Der Schneefalke
Stuart Harrison


Roman
List Verlag, 399 Seiten

Ersterscheinung 1999


Das Buch "Der Schneefalke" hat für mich eine besondere Bedeutung. Es ist nicht nur das von seiner Optik her wohl ansprechenste Buch auf meinem Regal, es war auch das erste in meiner Sammlung. Als ich vor vielen Jahren zu schreiben begann, fing ich an, Bücher anders zu betrachten, bewusster zu lesen, mich ihnen von "der anderen Seite" her zu nähern. Damals kaufte ich mir gleich nach dem Erscheinen im List Verlag den Roman "Der Schneefalke" von Stuart Harrison, weil mich einerseits die Umschlaggestaltung und andererseits der Klappentext und die Beschreibung des Autors sehr ansprachen. Es war Harrisons Romandebüt, das auf Anhieb bekannt und in dreizehn Länder verkauft wurde. Das hatte mich beeindruckt und auch in meinem Vorhaben bestärkt, mit dem Schreiben loszulegen. Immer wieder hatte ich das Buch zur Hand genommen, um mir die Aufmachung anzusehen, es in der Hand zu fühlen, mich von der Beschaffenheit der Seiten, vom Umschlag, dem Schriftbild, der Sprache, der Kapiteleinteilung, überhaupt von allem, inspirieren zu lassen. "Der Schneefalke" war für mich ein gelungenes Werk, und das ist es immer noch.



Doch nicht nur das Buch selbst, auch die Geschichte ist wunderschön, und kann in der Tat - wie es auf dem Buchrücken heisst - als magischer Roman bezeichnet werden. Ein magischer Roman, der vom Überleben, von Mut und von der Kraft der Vergebung erzählt, von der Vergebung anderer und sich selbst gegenüber. Michael Somers kehrt nach vielen Jahren wieder in seinen Heimatort Little River Bend zurück, ein kleiner Ort irgendwo in den Wäldern Kanadas, um sich mit seiner Vergangenheit zu versöhnen. Sein Vater, zu dem er nach dem Tod der Mutter den Kontakt abgebrochen hat, ist in der Zwischenzeit ebenfalls verstorben. Viele Jahre hat dieser in Little River einen Eisenwarenladen geführt, den Somers wieder in Schuss bringen will. Doch Somers erfährt überall Zurückweisung, beinahe Feindseligkeit, weil er eine undurchsichtige Vergangenheit hat, auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Jemand, der auf einen Mann geschossen hat und angeblich Frau und Kind bedroht haben soll, ist in Little River unerwünscht.
Auf einem Streifzug durch den Wald beobachtet Somers eines Tages einen Mann, der auf einen Gerfalken schiesst. Er findet den angeschossenen Vogel vor dem Jäger und nimmt ihn mit nach Hause. Das Verhältnis zu dem Falken und dessen Pflege und Abrichtung ist ein wichtiger Erzählstrang des Buches. Immer wieder schiebt der Autor wunderschöne Bilder ein, die zeigen, wie sehr die beiden Wesen, Mensch und Vogel, der Falke und sein Retter, miteinander verbunden sind. Ein anderer Erzählstrang schildert die Beziehung und Annäherung zwischen Somers und seiner Nachbarin Susan Baker mit ihrem Sohn Jamie, der seit dem tödlichen Jagdunfall seines Vaters nicht mehr spricht. Jamie schaut Somers heimlich aus der Ferne beim Abrichten des Falken zu. Nach einiger Zeit kann Somers ihn dazu bringen, ihm bei seiner Arbeit zu helfen, und die beiden werden zu stillen Verbündeten.


Die Geschichte wird bereichert durch die Schilderung diverser Charaktere aus dem Ort, wie Sheriff Cooper, der sich in Susan Baker verliebt hat, oder der erfolglose Holzhändler und Trinker Ellis, der sich mit seinen beiden Kollegen in Bars herumtreibt und der sich durch den Abschuss des Falken und Verkauf an einen Tierpräparator eine grosse Geldsumme erhofft. Oder Rahel, Ellis' Frau, die todunglücklich ist und ihre Ehe mit Ellis beenden will, aber nicht kann. Mit viel Gespür und Feingefühl für Dramaturgie und das, was das Leben so erschwerlich zu machen scheint, zeichnet Stuart Harrison seine Figuren. Jeder hat seine Leichen im Keller, jeder hat auf seine eigene Weise mit der Vergangenheit aufzuräumen.

Er spürte, wie die aufgehende Sonne die Luft langsam erwärmte, und beobachtete, wie die Welt erwachte. Die Sterne wurden blasser, bis ihr Leuchten nur noch ein Glimmen war und auch der Mond sich nur noch als fahle Kugel gegen den winterlichen Himmel abhob. Die Farbe des Himmels ging über in ein strahlendes Blau, nur über den Bergen im Westen zeigte sich ein Häufchen Zirruswolken. Wie aus dem Nichts kam ein Brise auf und fuhr ihm wie ein feiner, feuchter Nebel ins Gefieder. Als höre er den Ruf des Windes, breitete der Falke die Schwingen aus und spreizte die Spitzen wie im Flug.
(S. 108)
Jede Regung, jede Empfindung scheint Stuart Harrison transparent zu machen, er nimmt sich Zeit für seine Figuren. Er lässt den Leser teilhaben an inneren Motiven, Gedankengängen, Emotionen, Erkenntnissen oder Beobachtungen seiner Protagonisten, arbeitet diese sorgfältig heraus, und zwar auch für jene Personen, die eher eine nebensächliche Rolle spielen. Vielleicht mögen scharfe Literaturkritiker anmerken, dass dies zuviel des Guten sei. Dass weniger Worte genauso aussagekräftig gewesen wären. Vielleicht mögen sie sagen, die Figuren wirken trotz der Tiefe, die der Autor erzeugen möchte, irgendwie zu normal, zu vorhersehbar, zu stereotyp, auswechselbar, so als kenne man das alles schon, als habe man das schon hundertmal in amerikanischen Filmen gesehen. Tatsächlich hat man manchmal das Gefühl, als werden die Szenen eines Films beschrieben.


Aber Stuart Harrison ist Engländer und wohnt in Neuseeland, und mich stört diese Dramaturgie, diese Generalisierung menschlicher Schwächen und Neigungen, wenn man es so nennen will, nicht im Geringsten. Ich finde eher, dass der Autor für seine Figuren Empathie empfindet, sie bis ins tiefste Innere versteht und auch Möglichkeiten aufzeigt, inwiefern Gedanken und Interpretationen von Begebenheiten in der menschlichen Psyche Form annehmen können, die fern der Realität sind. Da muss man schmunzeln, wenn jemand Gerüchte in die Welt setzt oder Geschichten um die Wirklichkeit baut, nur weil sein eigenes beschränktes Denken ihn gefangen hält. Und immer wieder werden wir aus diesem dramatischen Bühnenstück, das sich in Little River Bend abspielt, herausgenommen, indem wir miterleben dürfen, nach welch simplen und stillen Grundsätzen das Schneefalkenweibchen Cully die Welt erfährt.

Womöglich hatte er zu lange gewartet, vielleicht konnte sie ihn gar nicht mehr hören, konnte den Köder nicht sehen und verspürte nicht den Drang umzukehren. Er hatte sich an sie gewöhnt, und er wollte sie nicht verlieren. Er bangte um sie, aber die Angst, nicht zu wissen, was aus ihr wurde, war noch grösser. Ihr Erfolg wäre auch der seine, doch falls ihr Flügel dem Druck nicht standhielt, würde er auch die Niederlage mit ihr teilen. Er war so sehr von seinen Gefühlen überwältigt, dass es eine Weile dauerte, bis er begriff, was mit ihm geschah. Er hatte einem anderen Wesen sein Herz und seine Seele geöffnet.(S. 289)
Auch gefällt mir, wie Stuart Harrison Begebenheiten aus unterschiedlichen Perspektiven beschreibt, je nach beteiligter Person, obwohl man auch hier dagegenhalten könnte, dass dies der Erzählstruktur eines Filmes gleicht, wenn dort Handlungsstränge und Szenenbilder wechseln. So wird die Geschichte facettenreich, gewinnt sie an Unterhaltungswert. Als Beispiel sei hier angeführt, wie Michael Somers sich mit Rahel, der Frau von Ellis, in einem Restaurant trifft, ihr Mann Ellis sich ebenfalls dort aufhält und beide Seiten die Sachlage völlig unterschiedlich wahrnehmen, was zu erneuten Mutmassungen und Schlussfolgerungen der betreffenden Personen führt. Diese Erzählstruktur wendet der Autor öfters an. Auch werden die Kapitel zum Ende hin kürzer. Vielleicht will Harrison damit die Spannung zusätzlich erhöhen.


Angemerkt sei auch sein Versuch, den Ausdruck der Sprache etwas salopper zu gestalten, wenn der Leser in die tristen Abgründe und Gedankengänge des Säufers Ellis und dessen Kollegen entführt werden soll. Was Harrison ohne Zweifel hervorragend gelingt, ist das Erschaffen einer Atmosphäre, die den Leser an einen verschlafenen, kleinbürgerlichen und doch rauhen Ort in den Wäldern Kanadas versetzt, wo jeder jeden kennt, der Nachbarsort Meilen entfernt liegt und kein Handeln unbemerkt bleibt. Natürlich habe ich auf Google Maps nachgeschaut, ob dieser Ort tatsächlich existiert. Er soll sich nach Beschreibung im Buch südlich von Williams Lake befinden. Aber dort gibt es kein Little River Bend.

"Deshalb bin ich hierher zurückgekommen, nach Little River, damit ich mich wieder an meinen Vater erinnern konnte. Ich habe so vieles wiederentdeckt, das ich verdrängt hatte, eine Menge Dinge, die mich getröstet hätten, als ich jung war, wenn ich sie nicht vergessen hätte. Mach es nicht wie ich, Jamie. Verschliess dich nicht, behalte deinen Vater in Erinnerung. Was auch immer an jenem Tag geschehen ist, du musst dem ins Auge sehen. Und du musst dich der Tatsache stellen, dass dein Vater nicht mehr da ist. Das ist die einzige Möglichkeit, wie du ihn in dir wiederfinden kannst."  
(S. 370)
Vielleicht ist die Geschichte nicht anspruchsvollste Literatur. Aber sie hat Unterhaltungswert, ist gut geschrieben, wärmt das Herz und ist tiefgründig. Wie schon auf dem Buchrücken steht: ein magischer Roman. Man liest das Buch in einem Zug durch, und am Ende kann man die Tränen nur schwer zurückhalten. Was will man mehr als Autor?


Zuletzt wurde das Buch im Ullstein Taschenbuch Verlag als Taschenbuch herausgebracht. Leider wird es heute nirgendwo mehr aufgelegt. Auf Online-Plattformen wie booklooker.de oder amazon.de findet man es aber noch, sowohl als gebundene Ausgabe wie auch als Taschenbuch, jedoch nur als Gebrauchtexemplar.

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