Momo
Michael Ende

Märchen-Roman 
Erste Buchausgabe 1973
Gelesene Ausgabe: Thienemann Verlag
271 Seiten
Auflage 1995
Rezension vom Juli 2024



Nicht mit dem Buch, aber mit dem Namen Momo verbindet mich eine Besonderheit. Mein Enkelkind nennt mich Momo. Nicht Opa oder Grossvater oder irgendwas, sondern Momo. Das hat sie sich mit anderthalb Jahren, als sie zu sprechen begann, so ausgedacht und mir diesen Namen zugeteilt. Und das macht mich stolz. Weil mir der Name gefällt, und weil er mich an das Buch Momo von Michael Ende erinnert, und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass ich einige Eigenschaften mit dieser kleinen Momo aus Michael Endes Buch teile.


Heinrich Spoerl 


Für einen Schriftsteller 

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: zuhören. Das ist nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie sass nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme. (S. 15)

Eines Abends hecken bei einer Feuerzangenbowle die schon in die Jahre gekommenen Herren Justizrat Fleisch, der alte Etzel, Geheimrat Fröbel und drei andere, während sie die Streiche aus ihrer Schulzeit Revue passieren lassen, einen Plan aus, der es in sich haben soll. Dr. Hans Pfeiffer, der jüngste in der geselligen Männerrunde, erst vierundzwanzig, aber schon erfolgreicher Schriftsteller, soll noch einmal auf die Schulbank zurück. Da sein Vater ihn zuhause im Privatunterricht auf das Abitur vorbereiten liess, hat Pfeiffer den von Schabernack und Streichen geprägten Schulallltag nie miterlebt, und dieser Genuss soll ihm nun nicht länger vorenthalten bleiben. 


So verjüngt er sich wieder, zumindest äusserlich, reist nach Babenberg (in der Originalfassung von 1933 Odernitz), kommt in einem Gästezimmer im Hause von Frau Windscheid unter, die mütterlich für ihn sorgt, und hat schon bald Anschluss in der Klasse gefunden, die Klasse der Oberprimaner des Babenberger Gymnasiums, die es bunt mit ihren Lehrern treibt. Ein Streich folgt dem nächsten, und da Pfeiffer (mit drei Äff, wie er Professor Crey erklärt - eins vor dem ei und zwei hinter dem ei) seinen Mitschülern in Erfahrung und Reife voraus ist, dies aber geschickt zu verstecken weiss, übernimmt er schon bald das Zepter und hat die grösste Klappe unter den Pennälern, wie die Schüler damals genannt wurden.

Der einzige, der sich beim Singen anstrengte, war Hans Pfeiffer. Er brüllte aus Leibeskräften. Er brüllte mit Hingabe. Und hatte dafür seine privaten Gründe. Er brüllte daneben. Auf die Dauer konnte dies selbst dem an Missklänge gewöhnten Ohr Fridolins nicht verborgen bleiben. "Das müssen Sie doch vielleicht hören. Da singt doch jemand unrein."  (...) "Pfeiffer, kommen Sie mal vor. Sind Sie das vielleicht, der so falsch singt?" "Ausgeschlossen."
(S. 65)

Mit Dr. Brett, dem Mathematiklehrer, versteht Pfeiffer sich ausgezeichnet. Sie haben voreinander Achtung, sind gleichwertige Geister auf verschiedenen Ebenen, Pfeiffer der Schöngeist, Brett der Mathematiker. Brett durchschaut Pfeiffers Streiche von Anfang an, rät ihm nur, er solle besser aufpassen, sonst müsse er die Vorhänge zuzuziehen, wenn Pfeiffer mithilfe eines Sonnenspiegels für seine Mitschüler Resultate an die Tafel projiziert. Andere Lehrer unterrichten weniger aufmerksam. So wird dem Physiklehrer Bömmel während des Unterrichts ein Schuh versteckt. Keiner weiss, wie Bömmel eigentlich richtig heisst, auch nicht, wo der Schuh abgeblieben ist. Mit dem niederrheinischen Dialekt lässt der Autor den Bömmel auf sehr originelle Weise sprechen. "Da stelle mer uns janz dumm... Wenn ich de Saujung krieg, de mich de Schuh verstoche hat... Bah, wat habt ihr für ne fiese Charakter..."


Auch Professor Crey, genannt der Schnauz, der die Schüler in Chemie unterrichtet, erhält seine eine ihm eigene Ausdrucksweise. "Wär est das gewäsen ... Pfeiffer, Se werden emmer dömmer ...  Sätzen se säch ... Se sänd albern ..." Mit Crey beginnt Pfeiffer sich mehr und mehr zu messen, mit Crey möchte die Frau Direktor ihre Tochter Eva irgendwann verheiratet sehen und versucht bei Sonntagsspaziergängen oder Kaffeekränzchen zu verkuppeln. An Eva verliert aber auch Hans Pfeiffer sein Herz, denn natürlich verliebt er sich in sie, und Marion, seine Verlobte zuhause in Berlin, ist bald vergessen. Als diese eines Tages in Babenberg auftaucht, um ihren Mann vor die Wahl zu stellen, bleibt Pfeiffer, mittlerweile eitel und faul geworden und in den vornehmsten Schülerkleidern steckend, in Babenberg zurück. 

Jetzt musste Pfeiffer unter der schlechten Laune leiden. Der Schnauz tat etwas, was er sonst nie zu tun pflegte, er wurde persönlich. "Pfeiffer, Sä werden emmer dömmer." Die Klasse feixt. "Pfeiffer, Sä gähen zo viel spazieren." "Das vielleicht weniger, Herr Professor. Aber ich konnte gestern nicht arbeiten, ich hatte zuviel geschaukelt. Hier ist die Bescheinigung von meiner Wirtin." Schaukeln als Entschuldigung war immerhin neu. Sogar für die Oberprima in Babenberg. Die Klasse hielt den Atem an. Es kam aber nichts. Nicht einmal das obligate "Sä send albern".  (Seite 121)

Als Pfeiffer eines Tages Strafarbeiten in Professor Creys Wohnung abgeben muss, denkt er nicht daran, dort zu erscheinen und wartet stattdessen, allerdings vergebens, fast eine Stunde lang auf seine angebetete Eva, die am verabredeten Ort nicht erscheint. So sucht Pfeiffer schliesslich doch den Professor auf, und damit dieser nicht bemerkt, dass Pfeiffer sich eine Stunde verspätet, stellt Pfeiffer unbemerkt alle Uhren in Creys Wohnung eine Stunde zurück. Das hat natürlich Folgen. Crey erscheint am nächsten Tag zu spät zum Unterricht. An jenem Morgen treibt Pfeiffer seine Streiche auf die Spitze, indem er sich in den Professor verkleidet und diesen in Sprache und Unterrichtsart imitiert. Unerwartet taucht am selben Morgen aber auch der kurzsichtige Herr Oberschulrat auf, um dem Unterricht Creys beizuwohnen. Pfeiffer muss sein Theater vor versammelter Lehrerschaft abhalten.

Er findet Creys Unterricht modern, frisch, gelockert und humorgewürzt. Man hat es ja häufig, dass die Kopie besser gefällt als das Original. Aber es ist unsagbar anstrengend für Pfeiffer, nicht aus der Rolle zu fallen. Der Scherz wird zur Qual. Der Schweiss steht im auf der Stirn; das riesengrosse Taschentuch tritt immer häufiger in Funktion. Von Zeit zu Zeit hält er ermattet inne. Die Stimme macht nicht mehr mit. (...) Pfeiffer schöpft neuen Mut und reisst sich zusammen. Er wird sogar übermütig. (S. 243)

Wie ein Theaterstück liest sich das Ende des Buches, das daherkommt wie das Finale des letzten Aktes auf einer Theaterbühne. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass Spoerl damals auch Lustspiele, Schwanke in meheren Akten, Bühnenstücke oder auch Drehbücher geschrieben hat. Spoerl schildert in "Die Feuerzangenbowle" auch nicht aus der Perspektive seiner Hauptfigur Pfeiffer, sondern aus jener des allwissenden und vorausblickenden Fabulierers. "Es war klar, dass die Herrlichkeit über kurz oder lang ihr Ende finden musste. Und das kam so: Aus Gründen, die an späterer Stelle erläutert werden sollen, liess Hans Pfeiffers Lerneifer nach einiger Zeit nach." Spoerl wechselt auch immer dann, wenn er den Leser unmittelbar in das aktuelle Geschehen hineinziehen will, in die Zeitform der Präsenz, was die Erzählung lebhaft und erfahrbar macht. Zudem lassen die originellen Darstellungen der Lehrercharaktere das Buch zu einem echten Lesespass werden.

 

"Die Komödie ist ein Loblied auf die Schule", steht als Vorwort im Buch, "aber es ist möglich, dass die Schule es nicht merkt". Babenberg ist ein sympathisches kleines Städchen mit kopfsteingepflasterten Strassen, wo jeder jeden kennt, wo zum Gruss die Kopfbedeckung gezogen wird, und wenn man sich kurze Zeit später erneut begegnet, wieder den Hut zieht, weil man sich ja immer noch kennt. Doch Babenberg gibt es nicht. Auch das Gymnasium nicht. Selbst Pfeiffer hat sich selbst erfunden. Das ist das traurige Happy-End. Nur die Feuerzangenbowle am Anfang des Buches soll der Wahrheit entsprechen. Dreimal wurde die Geschichte verfilmt, das erste Mal 1934 unter dem Titel "So ein Flegel" mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle, das zweite Mal zehn Jahre später ebenfalls mit Heinz Rühmann, der gemeinsam mit Spoerl das Drehbuch verfasste, und ein drittes Mal 1970 mit Walter Giller als Hans Pfeiffer.

Zum 75-jährigen Bestehen des Droste Verlags wurde das Buch dieses Jahr in der Originalfassung des Textes neu herausgegeben, sowohl im Taschenbuchformat wie auch als gebundene Ausgabe. Letztere ist allerdings bereits vergriffen und soll auf unbestimmten Termin hin nachgedruckt werden. Wie es der Zufall will, machte ich dieses Wochenende einen wunderbaren Fund in einem Gebrauchtbuchladen, wo mir tatsächlich diese gebundene Neuauflage in die Hände fiel. Neu und ungelesen.

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