Juli 2023

Sommerdiebe
Truman Capote


Roman
Kein & Aber, 139 Seiten
Ersterscheinung 2005


Ich wollte mich schon länger einmal Truman Capote zuwenden und fand, dass "Sommerdiebe" allein schon vom Titel her ganz gut in diese warmen Sommertage passt. Und wie sich herausstellt, versinkt in dieser Geschichte ein New York der 1940er Jahre in der brütenden Sommerhitze. Ganz so heiss ist es nicht dieser Tage, doch die Bilder, die Capote in diesem Buch vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen lässt, lassen diese Hitzewelle förmlich mitfühlen.



Lange Zeit galt "Andere Stimmen, andere Räume" als Truman Capotes Romandebüt, das er im Alter von dreiundzwanzig Jahren geschrieben hatte. Dann fand man zwanzig Jahre nach seinem Tod, als in einem Auktionskatalog ein Pappkarton von Capotes ehemaligem Housesitter aufgeführt wurde, vier handgeschriebene Schulhefte - das Manuskript zu "Sommer Crossing", so der Originaltitel des Buches. Es sollte Capotes tatsächliches Romandebüt sein. Der Autor hatte die nie veröffentlichte Geschichte mit neunzehn verfasst, in einer Zeit, als man ihn aufgrund anderer kleiner Erzählwerke bereits als literarisches Wunderkind feierte.


Leider geriet das Leben Truman Capotes in seinem letzten Lebensdrittel aus den Fugen. Nach dem Welterfolg von "Kaltblütig", einem Tatsachenroman, an dem er sechs Jahre lang gearbeitet hatte, schien er kreativ erschöpft, konnte an seine frühen Erfolge nicht mehr anknüpfen, wurde drogen- und alkoholabhängig, veranstaltete grosse Parties in der High Society und liess auch Gefängnisaufenthalte nicht aus. 1984 starb er einsam im Alter von nur sechzig Jahren. Ein trauriger Abgang eines genialen Schriftstellers, Drehbuchautors und Schauspielers.
Genialität und seelische Abgründe liegen oft so nahe beisammen. "Sommerdiebe" ist schlichtweg ein sensationelles Debüt. Ich hatte nur wenige Abschnitte gelesen, da zauberten diese hervorragend formulierten, genial komponierten Sätze bereits ein zufriedenes Lächeln auf mein Gesicht. Wenn ich Capote mit Hemingway vergleiche, den ich zuvor gelesen habe, wenn ich den beiden literarischen Meistern klassische Musikinstrumente zuteilen müsste, um sie ihre eigene Melodie spielen zu lassen, dann würde Hemingway mit seiner existenziellen Sprache den Kontrabass zupfen und Capote virtuos auf einer Geige fiedeln oder in die Oboe flöten. Capote spielt mit Worten und Beschreibungen, lässt haarscharf und ohne Umschweife Bilder entstehen, dass es eine Freude ist, seine Texte zu lesen. Wenn ein Buch hervorragend geschrieben ist, darf die Handlung zweitrangig sein. "Sommerdiebe" ist ein solches Buch.

Das Taschentuch wanderte ernsthaft zu ihren Augen, und das Bild von Grady (sie liebte sie! Bei Gott, sie hatte Grady so sehr geliebt, wie das Kind es zugelassen hatte) wellte sich und verschwamm; es hatte gramerfüllte Tage, schwere Tage gegeben, und obwohl Grady so verschieden von ihr war, wie sie von ihrer eigenen Mutter gewesen war, halsstarrig und härter, war sie trotzdem noch keine Frau, sondern ein Mädchen, ein Kind, und es war ein schrecklicher Fehler, sie konnten sie nicht hierlassen, sie konnte ihr Kind nicht unfertig, unvollständig lassen, sie musste sich beeilen, sie musste Lamont sagen, dass sie nicht fahren durften.  
(S. 26)

Die Handlung spielt Mitte der 1940er-Jahre, vermutlich in dem Jahr, als Truman Capote die Geschichte auch geschrieben hat. Grady McNeils Eltern sind sehr wohlhabend, sie bewohnen ein grosses Apartment auf einem ganzen Stockwerk des Plaza-Buildings am Central Park in New York, und sie besitzen ein Haus in Cannes in Frankreich, das nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wieder zugänglich sein soll. Dorthin legen sie zu Beginn der Geschichte mit der Queen Mary ab, um den heissen Sommermonaten in New York zu entkommen. Grady, gerade mal siebzehn, die ein ambivalentes, eher distanziertes Verhältnis zu ihrer Mutter pflegt, geht nicht mit und will den Sommer allein in der Stadt verbringen. Sie ist der feinen Gesellschaft abgeneigt, pflegt seit kurzer Zeit eine Liebschaft mit Clyde, einem jüdischen Jungen aus Brooklyn, der als Parkwächter arbeitet, und von dem Gradys Eltern nichts wissen, nicht einmal Peter Bell, langjähriger Vertrauter der Familie, Wunschschwiegersohn und Gradys einziger wirklicher Freund.


So zieht sie mit Clyde und seinen Kumpels, die ihr nicht sonderlich angetan sind, umher, geht zur Abwechslung einmal mit Peter aus, und verbringt viele Tage und Nächte mit Clyde in dem bereits mit weissen Laken verhüllten Apartment ihrer Eltern im Plaza. Nicht selten geraten Clyde und Grady aneinander, um sich im nächsten Augenblick wieder zu finden, oft ist Grady mit ihren Gedanken bei Peter, ihre Beziehung zu Clyde kommt mir vor wie eine Rumba, in der die Tanzpartner sich jäh voneinander entfernen, um im nächsten Augenblick wieder aufeinanderzutreffen. In einem Anflug jugendlichen Leichtsinns heiraten Grady und Clyde nachts um zwei in New Jersey, woraufhin Grady auch seine Familie kennenlernt. Eine Familie, in der eine Vaterfigur fehlt und die Mutter alleinerziehend eine Bande Kinder unter ihren Fittichen hat. Eine Familie, in der Becky, die Verlobte von Clyde, ein- und ausgeht.

Es war üblich, dass sich die Leute nach ihr umsahen, einige, weil sie wirkte wie die gewinnende junge Person auf einer Party, der man gerne vorgestellt werden möchte, und andere, weil sie wussten, dass sie Grady McNeil war, die Tochter eines wichtigen Mannes. Es gab einige wenige, deren Augen sie aus einem anderen Grunde fesselte: und das war, weil diese wenigen in ihrer Aura eigenwilligen und privilegierten Zaubers spürten, dass sie ein Mädchen war, dem etwas widerfahren würde.  (S. 58)

Später, allein in der elterlichen Wohnung, während in Clydes Familie der Haussegen schief hängt, kommen Grady erneut Zweifel, ob Clyde auch wirklich der Richtige für sie ist. Unerwartet taucht Peter auf, er duscht in der Wohnung, was ein weiteres Indiz für seine Nähe zur Familie der McNeils ist. Die beiden führen ein kurzes Gespräch, wobei Grady aufgeht, dass Peter ihr tatsächlich zugeneigt ist, dieser aber wohl erkennt, dass Grady etwas vor ihm verbirgt. Enttäuscht zieht er ab, in der Folge steigt Grady in ihr Auto und fährt ziellos durch die Vororte New Yorks, bis sie am Meer in New Hampton landet.


Dass die Geschichte kein Happy End hat, erkennen wir schon an einer Stelle in der Mitte des Buches. Dort steht, dass einige wenige Menschen in Gradys Aura eigenwilligen und privilegierten Zaubers spüren, dass sie ein Mädchen ist, dem etwas widerfahren würde. Grady verbringt die nächsten zwei Monate bei ihrer Schwester und ihrer Familie in New Hampton am Meer, stellt fest, dass sie schwanger ist, sucht den Rückzug in den Dünen, während Clyde mit der Frage zurückbleibt, wo seine Frau abgeblieben ist, und ob sie sich wohl meldet, und auch Grady befindet sich in dieser abwartenden Haltung. Durch den Liftboy des Plaza erfährt Clyde den Ort ihres Aufenthalts, woraufhin er sie mit seinem Kumpel aufsucht - ein folgenschweres Wiedersehen. Der Schluss mag plötzlich kommen, etwas abrupt erscheinen. Die Geschichte hätte noch viele Seiten weitergehen können, aber vielleicht wollte Capote am Ende aussteigen. Jedenfalls soll das Manuskript der harschen Selbstkritik des Autors zum Opfer gefallen sein. 

Denn die Manzers waren in der Tat eine Familie: die abgestandenen Düfte und die abgenutzten Möbel ihres Hauses rochen stark nach einem gemeinsamen Leben und einer Eintracht, die kein Aufruhr sprengen konnte. (...)  Für Grady, die in dieser Weise wenig Familiensinn besass, war es eine fremde, eine warme, fast eine exotische Atmosphäre. Es war jedoch keine Atmosphäre, die sie für sich selbst gewählt hätte - unter den stickigen, unentrinnbaren Zwängen der Nähe zu anderen wäre sie bald genug verkümmert - ihr Organismus brauchte das kalte, abgeschiedene Klima des Einzelwesens.  
(S. 97)

Grady verkörpert die stille Rebellin. In stummem Widerstand sucht sie die eigene Rolle ihres Daseins, mit Clyde und seinen Kumpeln das Unbekannte. In einer ungleichen Beziehung klaffen Welten auseinander - Clydes beschränkter Horizont auf der einen Seite, Gradys Hochnässigkeit auf der anderen. In eindrücklichen Bildern schildert Capote beide Denkweisen und Wahrnehmungen, wechselt die Erzählperspektiven, spielt hierfür geschickt mit Sprachausdruck und Länge der Sätze, wobei niemals etwas konstruiert wirkt. Jedes Wort scheint an seinem Platz, manchmal ausholend, aber nie langatmig fliesst die Erzählung wie das Plätschern eines Baches, wie ich das auch schon bei Siegfried Lenz in 'Schweigeminute' beobachtet habe, nur dass Capote hierbei unerreicht bleibt. Zahlreiche Stellen könnte ich hier anführen, die ich mehrmals gelesen habe, weil sie sich so wohlklingend anhören; nahezu auf jeder Seite dieses kurzen, in sechs Kapiteln eingeteilten Buches lassen sich solch wunderbare Wortbilder finden. Ich freue mich schon auf sein nächstes Buch.

Ziellos wanderte Grady von Zimmer zu Zimmer, wo Uhren in verschiedenen Winkeln boshaft zwinkerten, alle tot, zwei behaupteten, es sei zwölf, andere, es sei drei, eine, es sei viertel vor zehn; völlig von Sinnen, wie diese Uhren, floss die Zeit in ihren Adern - dick wie Honig, jeder Augenblick weigerte sich, vorbei zu sein: weiter und weiter, wie die goldenen Schreie der ruhelos pirschenden Löwen, die an den Fenstern zerschellten und die sie nur undeutlich hörte, ein Geräusch, das sie nicht identifizieren konnte.  (S. 109/110)
Anuschka Roshani, deutsche Schriftstellerin und Journalistin, gibt beim Kein & Aber Verlag, der von ihrem Ehemann Peter Haag geleitet wird, seit 2007 das Gesamtwerk von Truman Capote in deutscher Übersetzung heraus. "Sommerdiebe" ist als gebundene Ausgabe, Taschenbuch und eBook erhältlich.

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