Januar 2024

Du und Ich
Niccolò Ammaniti


Roman 
Piper Verlag, 146 Seiten
Ersterscheinung 2010


"Du und Ich" ist der zweite Roman von Niccolò Ammaniti, mit dem ich mich diesen Monat beschäftigt habe. Vor vielen Jahren hatte ich ihn schon einmal gelesen, und wieder entwickelt sich bei der Lektüre ein Sog, dem ich mich nicht entziehen kann. Schon bei "Die Herren des Hügels" konnte ich diese magnetisierende Wirkung von Ammanitis Worten beobachten, die den Leser umblättern lässt wie bei einem klassischen Pageturner der Unterhaltungsliteratur. Aber Ammaniti will nicht unterhalten. Seine Geschichten haben Tiefe, transportieren Botschaften und stimmen nachdenklich. Eine unaufdringliche Spannung treibt den Leser in den Seiten voran. Man möchte wissen, wie es weitergeht, und dies erreicht Ammaniti ohne den Aufbau eines typischen Spannungsbogens, allein mit der Art seines Erzählens. Auf der Rückseite meiner gebundenen Ausgabe des Piper Verlags wird die Corriere della Sera zitiert: "Ammaniti ist so gut, dass es eigentlich nicht zu ertragen ist." Ja. Er ist gut. Aber man kann alles etwas übertrieben formulieren.


Dem Buch gehen als Vorwort zwei Zitate voraus, eines ist von Francis Scott Fitzgerald, einem amerikanischen Schriftsteller aus dem letzten Jahrhundert: "In a real dark night of the soul it is always three o'clock in the morning." Ich hab mir vor der Lektüre einige Gedanken über diese Worte gemacht, doch erst am Ende des Buches wird mir deren Bedeutung richtig bewusst. Um nicht zu spoilern, kann ich an dieser Stelle nicht mehr dazu schreiben.

Und wie schon in "Die Herren des Hügels" ist es wiederum ein Kind, oder vielmehr ein Pubertierender, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Und wieder gelingt es Ammaniti, die sprachliche Ausdrucksweise dem Alter seines Protagonisten anzupassen, innere Prozesse und Gedankengänge authentisch darzustellen. Diesmal ist es der vierzehnjährige Lorenzo aus Rom, von dem die Geschichte handelt. Zehn Jahre später erinnert er sich als Ich-Erzähler zurück, denn zu Beginn des Buches sitzt er an einem Tisch in einem Hotel und entfaltet nachdenklich einen handgeschriebenen Zettel seiner Halbschwester. Den Grund seines Aufenthalts in Cividale del Friuli will er der Kellnerin nicht mitteilen. Doch scheint ihn etwas zu bedrücken.

 

Wir erfahren von Lorenzos Schulzeit, an die er keine guten Erinnerungen hat, an seine pubertäre Phase, die ihn mit dreizehn und vierzehn haben wachsen lassen, als sei er gedüngt worden. Lorenzo ist kein extravertierter Mensch, im Gegenteil. Seinen Eltern bereitet er Sorgen, weil er nicht so ist wie die anderen seines Alters. Er grenzt sich ab, hat keine Freunde, kommt nicht aus sich heraus. Verdrängte Emotionen enden in unkontrollierten Wutausbrüchen. Der Psychiater, von den Eltern nur Professor genannt, will bei Lorenzo eine narzisstische Störung erkannt haben; die Lehrerin sagt, er wirke wie einer, der am Bahnhof steht und auf den Zug nach Hause wartet. Er störe niemanden, aber wenn er geärgert wird, wirft er mit allem, was er zu fassen bekommt. Dies mache ihr Angst.

Wenige Wochen nach Beginn der Therapie hörte ich meine Eltern im Wohnzimmer leise reden. Ich ging ins Arbeitszimmer, nahm ein paar Bücher aus dem Regal und presste mein Ohr an die Wand. "Was hat er denn nun?", fragte Papa. "Eine narzisstische Störung, hat er gesagt." "In welchem Sinn?" "Er sagt, Lorenzo sei unfähig, Empathie für andere zu empfinden. Für ihn existiere nichts ausserhalb seines emotionalen Kreises, nichts löse bei ihm etwas aus. (...)"
(S. 36)

Lorenzo sieht das anders. Er will gar nicht sein wie die anderen. Die anderen, das sind alle ausserhalb seiner Familie, seines emotionalen Kreises. Lorenzo ist nicht der, der wie die anderen Sprüche klopft und Witze in der Öffentlichkeit zu erzählen weiss. Dafür muss man sehr selbstbewusst sein. Erst mit drei hat er zu sprechen angefangen, Reden ist nicht seine Stärke. Warum muss man etwas aussprechen, wenn man es schon gedacht hat? Irgendwo in den Tropen lebt eine Fliege, die Wespen immitiert, die von allen Lebewesen gefürchtet wird. Lorenzo weiss, was er zu tun hat. Die Gefährlichsten imitieren. Sich als Fliege ein Wespenkleid überstreifen, alle täuschen und sich so in die Wespengesellschaft integrieren.


Und da er merkt, dass er seinen Eltern mit seinem Einzelgängerverhalten Sorge bereitet, entschliesst er sich, so zu tun, als habe er Freunde, täuscht Beliebtheit vor, verhält sich in der Schule so wie die anderen, kleidet sich so wie die anderen, klopft Sprüche wie die anderen, und je mehr er vorgibt, wie die anderen zu sein, desto deutlicher nimmt er sich in seiner Andersartigkeit wahr.

Mama, wir sind in einer Hütte im Hochgebirge. Das Handy hat keinen Empfang. Ich rufe dich morgen an. Hab dich lieb. Damit gewann ich einen Tag. (...) Wie gut es mir ging. Wenn man mir Essen und Wasser gebracht hätte, wäre ich für den Rest meines Lebens hiergeblieben. Und mir wurde klar, dass es für mich eine Gnade des Himmels wäre, in Isolationshaft im Gefängnis zu landen. Die Fliege hatte endlich den Schlupfwinkel gefunden, wo sie ganz sie selbst sein konnte, und genehmigte sich ein Nickerchen.
(S. 73/74)

Seinen Eltern erklärt Lorenzo, von Schulkollegen zum Skiurlaub nach Cortina eingeladen worden zu sein. Die Mama muss weinen, so freut sie sich für ihren Sohn. Endlich hat er Anschluss gefunden. In Wirklichkeit versteckt er sich eine Woche lang im Keller des Palazzos seiner Eltern, wo noch all die Möbel und Utensilien der alten Contessa, der Vorbesitzerin der Elternwohnung, eingestellt sind, so dass Lorenzo es sich richtig bequem machen kann. Mit Lebensmitteln im Rucksack richtet er sich dort ein, auch an die Bräunungscreme hat er gedacht. Damit sein Täuschungsmanöver überhaupt funktioniert, darf seine Mama ihn nur bis kurz vor den verabredeten Ort in der Stadt bringen, von wo zum Skiurlaub gefahren werden soll. Die letzte Strecke will Lorenzo allein weiter zu seinen wartenden Schulkollegen, schliesslich werden die anderen ja auch nicht mehr von der Mutter hingebracht.


Mit den Skiern unter dem Arm kehrt Lorenzo mit der Strassenbahn zum Palazzo zurück und muss einen passenden Moment finden, um in den Keller zu gelangen, denn der Portier, den Lorenzo nur den Certopithecus nennt, weil er wie eine Meerkatze aussieht, fegt gerade Blätter auf dem Hof zusammen. Mit einem Anruf lockt Lorenzo ihn in dessen Wohnung im Souterrain. Im Keller eingerichtet, empfängt er unter dem Kellerfenster knapp noch ein Signal für sein Handy, mit dem er seine Mutter über den Skiurlaub auf dem Laufenden halten muss. Die Zeit vertreibt er sich mit Computerspielen auf dem Fernsehbildschirm der alten Contessa, mit Lesen, und mit dem Verdrängen schuldbeladener Gedanken darüber, warum er diese Lüge so weit getrieben hat.

 

Doch wenn man die Herausforderungen des Lebens von sich fernhält, dann tauchen sie eben ganz von allein auf. Lorenzo kann mit solchen Situationen nur schwer umgehen. Als seine Mutter einst bei einem Verkehrszwischenfall von dem anderen Automobilisten angepöbelt und gestossen wird, fällt er auf dem Beifahrersitz sogar in Ohnmacht. Zwar spürt Lorenzo kochende Emotionen in sich hochsteigen, aber zu mehr als dem Ballen der Fäuste führt sein Wutanfall nicht. Wenn es brenzlig wird, ist er wie paralysiert. Und nun, sich im warmen, muffigen Keller in Sicherheit wiegend, klopft plötzlich seine Halbschwester Olivia an das Kellerfenster.

"Tut mir leid... Die Lebensmittel reichen nicht für zwei. Es ist nur deshalb. Und ausserdem muss man hier ruhig sein. Und dann... Nein. Das läuft nicht. Ich muss allein bleiben", stammelte ich und ballte die Fäuste. Sie hob die Hände, als würde sie aufgeben. "Okay. Ich gehe. Du bist ein richtiger Scheisskerl." "Stimmt." "Und voll daneben." "Genau." "Und muffeln tust du auch noch." Ich schnüffelte unter einer Achsel. "Na und? Hier muss ausser mir ja keiner sein. Ich kann muffeln, so viel ich will. (...)"
(S. 94/95)

Widerwillig gewährt er ihr Einlass. Lorenzo hat Olivia vor zwei Jahren das letzte Mal gesehen. Olivia ist neun Jahre älter, zwischen ihr und dem gemeinsamen Vater herrscht Funkstille. Sie sucht eine Bleibe, möchte bei Lorenzo im Keller Unterschlupf finden, was dieser zuerst ablehnt, dann aber zulassen muss, da Olivia ihn sonst bei den Eltern verpfeiffen würde. Schon bald muss Lorenzo feststellen, dass sie drogenabhängig ist, und weil sie weder über Geld noch Stoff verfügt, durchlebt Olivia körperliche Qualen. Unfreiwillig, obwohl sie angeblich von dem Zeug loskommen will, beginnt sie in dem Keller mit einem Entzug. Lorenzo ärgert sich, ist machtlos, weiss nicht mehr weiter. Eigentlich ist Olivia ihm egal, doch je länger er sie in ihrer verzweifelten Situation leiden sieht, desto bewusster wird ihm, dass er ihr helfen muss. Doch dafür muss er sein Lügengebäude aufgeben.

Ich umarmte sie und legte meine Stirn an ihren Hals, drückte meine Nase an ihr Schlüsselbein und brach in Tränen aus. Ich konnte nicht mehr aufhören. Ein Schwall Tränen folgte dem anderen, ich beruhigte mich für einen Moment, dann fing es wieder an, und ich weinte noch stärker als vorher. Olivia zitterte und klapperte mit den Zähnen. Ich wickelte sie in eine Decke, doch sie bemerkte es kaum.
(S. 119)

"Du und Ich" ist ein kurzer, Novellen ähnlicher Roman, der uns Einblick gibt in die Psyche eines vierzehnjährigen Jungen, der Schwierigkeiten hat, aus sich herauszukommen, und den wie schon in "Die Herren des Hügels" eine äussere Notsituation dazu zwingt, sich von seinen inneren Fesseln zu befreien. Niccolò Ammaniti beschäftigen ausserordentliche Kindheitssituationen, der jähe Verlust des Kindseins und der Jugend, die Liebe zwischen Geschwistern, das Erwachsenwerden, Personen, die Mut aufbringen und über ihren Schatten springen müssen. Dabei scheint die Erwachsenenwelt oft unverständlich und in unerreichbarer Ferne zu sein. Ammanitis Geschichten hinterlassen Spuren. Werfen Fragen auf. Man wird auf hohem Niveau unterhalten.


Leider wird der Roman derzeit nicht verlegt, nur eine Schulbuchfassung zum Studium der italienischen Sprache ist im Buchhandel erhältlich. Um an gebundene Ausgaben oder Taschenbuchformate des Piper Verlags zu kommen, muss man auf Plattformen des Gebrauchtbuchhandels suchen.

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