Januar 2024

Monsieur
Jean-Philippe Toussaint


Roman 
Carl Hanser Verlag, 104 Seiten
Ersterscheinung 1986


Auf den Kurzroman "Monsieur" des französischen Autors Jean-Philippe Toussaint bin ich in einem Gebrauchtbuchladen zufällig gestossen. Mir gefiel der Klappentext. Auf deutschsprachigen Buchplattformen ist das Buch kaum zu finden, selbst auf LovelyBooks fehlte es noch in der Listung sämtlicher Bücher des Autors. "Monsieur" ist Toussaints zweiter Roman, nachdem er mit seinem Debüt "Das Badezimmer" als junger Schriftsteller Aufsehen erregte. Die Geschichte wurde sogar verfilmt, neben anderen Werken Toussaints, dennoch steht das Buch wohl in den wenigsten Bibliotheken. 


Dabei ist der nur 104 Seiten umfassende Roman, der 1986 im französischen Verlag Les Editions de Minuit erschien und  1989 von Sigrid Vagt für den Carl Hanser Verlag ins Deutsche übertragen wurde, wirklich gut. Sofern man auf den Schreibstil eines Buches mindestens genauso viel Wert legt wie auf die Handlung. Denn in "Monsieur" passiert eigentlich nicht wirklich viel, in "Monsieur" wird ein ganz gewöhnlicher (oder schon wieder ungewöhnlich schräger?) junger Bürger portraitiert.


"Monsieur" ist ein literarisches Porträt, das nicht durch Persönlichkeitsanalysen und Charakterbeschreibungen besticht, sondern durch stilistische Genialität und sprachliches Können des Autors überzeugt. Toussaint ist ein Sprachkünstler. Ganz alltägliche Dinge werden bewältigt, oder vielmehr komponiert, manchmal nur angetönt, oder durch gänzliches Weglassen gerade erst in den Vordergrund gerückt, wodurch Monsieur, namenlos selbstverständlich, in den Gedanken des Lesers Form annimmt. 


Im Klappentext meiner gebundenen Ausgabe des Carl Hanser Verlags meint eine Kritikerin der Neuen Zürcher Zeitung, dass der Autor die komische und bisweilen absurd anmutende Darstellung alltäglicher Banalität noch eine Stufe weitergetrieben hat. Dieser Monsieur sei das heiter gestaltete Schreckbild (oder Zukunftsbild) eines reibungslos funktionierenden Roboters. Auf dem grauen Buchcover ist ein schlanker Geschäftsmann in dunklem Anzug, mit Krawatte, Aktenkoffer und Zeitung abgebildet, aber ohne Gesicht, was die undefinierbare Wesensart des Protagonisten verdeutlicht. Ein Mann ohne Charakterzüge, ohne Konturen, ohne Ausdruck letzten Endes.

Monsieur setzte sich auf den siebzehnten Platz von links, wo seiner Erfahrung nach seine Anwesenheit am ehesten unbemerkt blieb, neben Madame Dubois-Lacour, die, da sie einen Grossteil seiner Tätigkeit überwachte, auf die meisten der an ihn gerichteten Fragen antwortete, und die ganze Sitzung hindurch war Monsieur, ruhig seine Zigarette rauchend, sorgsam darauf bedacht, in der Achse ihres Körpers zu bleiben, indem er sich zurücklehnte, wenn sie sich zurücklehnte, und sich vorbeugte, wenn sie sich vorbeugte, so dass er nie zu sehr exponiert war.
(S. 11)

Toussaints Schreibstil ist nirgends einzuordnen. Muss er auch nicht. Wenn seine langen, verschachtelten Sätze mich auch an Stefan Zweigs Kompositionen erinnern, oder die heiter bizarren Situationen an Kafkas Welt, oder wenn Monsieur auch ein moderner Nachfahre von Herman Melvills Bartleby sein könnte, aus dessen Mund die bekannten Worte stammen: 'Ich möchte lieber nicht', so bleibt Toussaint doch Toussaint. 


Die kurzen, schlussfolgernden Hauptsätze, die immer zwischen Absätze gestellt werden, besitzen starke Aussagekraft und lassen den Leser Lücken füllen, die der Autor gar nicht weiter auszuformulieren braucht. "Nein, die Situation war festgefahren." Oder: "Monsieur konnte nichts abschlagen." Oder: "Monsieur, ja, in allen Dingen von schwacher Leidenschaft." Ein geniales Stilmittel, wie ich finde. Ein weiteres auffallendes Element ist die stets wiederkehrende Aussage "Die Leute, also wirklich", womit Toussaint die innere, abweisende Haltung Monsieurs andeutet, ohne dafür Aufwand zu betreiben. Auch verzichtet er auf direkte Dialoge, setzt Unterhaltungen in die indirekte Rede oder baut sie einfach in seine Erzählungen ein. Präzis gewählte Worte und pointierte Sätze transportieren viel Inhalt. Toussaint produziert Bilder, ohne sich in unendlichen Beschreibungen zu verlieren.

Nachdem Dubois-Lacour telefonisch (Monsieur rief aus einer Zelle an; sein Nachbar war oben im Zimmer) über die Situation informiert worden war, sagte sie zunächst, er hätte den Vorschlag gleich ablehnen müssen, und meinte dann, jetzt sei es das beste, er versuche ihm ganz einfach klarzumachen, dass er ihm nicht alle seine Wochenenden widmen könne. Schliesslich wurde sie ein wenig ungehalten, weil Monsieur nur immer fatalistisch wiederholte, seiner Ansicht nach sei das Ganze unlösbar geworden, und sagte zum Schluss gereizt, er werde ja wohl noch allein damit fertig werden, nicht?
(S. 36)

Monsieur, namenlos natürlich, einfach nur Monsieur, neunundzwanzig, bekleidet eine führende Position bei Fiat France. Sein eigenes Büro befindet sich auf der sechzehnten Etage des Leonardo-da-Vinci Turms in Paris. Auf die Frage, ob sein Beruf interessant sei, antwortet er, er werde gut bezahlt. Wenn nicht viel zu tun ist, sucht er die Caféteria im Erdgeschoss auf, wo er Zeitung liest und Chips isst, und neuerdings gelingt es ihm, den Lift zu holen und wieder in den sechzehnten Stock zurückzufahren, ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. An Gesprächen im Korridor beteiligt er sich, indem er gesenkten Hauptes zuhört und dann wieder in seinem Büro verschwindet. An Sitzungen beantwortet seine Vorgesetzte, Madame Dubois-Lacour, die an ihn gerichteten Fragen.


Die Gründe für die Auflösung seiner Verlobung hat er nicht recht verfolgt und erinnert sich nur, dass ihm die Dinge, die ihm vorgeworfen wurden, beträchtlich erschienen. Er muss umziehen, leider, da er weiterhin bei seiner Ex-Verlobten und deren Eltern wohnen bleibt. Madame Parrain, Beinahe-Schwiegermutter, ergreift die Initiative und findet für ihn eine neue Bleibe. Dort kaum eingerichtet, es riecht noch nach Farbe, lernt er seinen neuen Nachbarn Kaltz kennen. Der möchte ein Buch über Mineralogie schreiben und spannt Monsieur an den Wochenenden gleich zum Tippen seiner Texte ein. Eigentlich will Monsieur nicht, aber er kann nicht Nein sagen. Als er sich über die festgefahrene Situation bei seiner Chefin auslässt, findet sie für ihn eine neue Wohnung, eigentlich nur ein Zimmer bei Leuten, die das Zimmer der Mutter zur Vermietung freigeben. Und ihrem Sohn soll Monsieur bei den Hausaufgaben helfen. Er möchte eigentlich lieber nicht, aber er kann nicht Nein sagen.

Schliesslich kehrt er doch in seine leere Wohnung zurück und tippt dort weiter in seiner Freizeit widerwillig die Texte seines Nachbarn Kaltz in die Schreibmaschine. Eine Dame, Madame Pons-Romanov, die Monsieur von Kaltz eines Abends vorgestellt wird, soll die Bildtafeln für das Buch erstellen. Die beiden verbringen ein Wochenende auf dem Anwesen der jungen Dame, zu dem auch andere Gäste geladen sind, unter anderem der Staatssekretär, den Monsieur im Tischtennis abserviert. Monsieur verliert nicht gerne. Ein zweiter Versuch, seine Wohnung mit dem Zimmer bei den Leuten einzutauschen, scheitert ebenfalls, da deren Sohn Monsieur bei Erklärungen zu Hausaufgaben widerspricht. Monsieur wird nicht gerne ins Unrecht gesetzt.


Ihm bleibt nichts anderes übrig, als seinem Nachbarn Kaltz aus dem Weg zu gehen. Bei einer Einladung seiner Chefin lernt Monsieur eine junge Dame kennen, Anna Bruckhardt. Doch wie nähert man sich einer netten Bekanntschaft, wenn nur belanglose, andere Leute betreffende Anekdoten ausgetauscht werden, wenn man mit der Damenhand in der seinen nichts anzufangen weiss und sie ratlos wieder auf die Bank zurücklegt, wenn man die Dame in entscheidenden Situationen mit dem Taxi davonfahren lässt? Monsieur stellt sich so unbeholfen an, dass wir uns schon für ihn fremdschämen.

Als er dort, die Arme über der Brust verschränkt, langsam atmend auf dem Bett lag, hielt Monsieur hartnäckig an einem Gedanken fest: er war zu ruhig. Er musste versuchen, und das wusste er nur zu gut, sich in den verschiedenen Situationen des Lebens ein wenig aufzuregen, ganz allmählich natürlich, Schritt für Schritt, um zu vermeiden, dass die ganze Spannung, die er in sich aufstaute, mit einem Schlag explodierte.
(S. 79)

Monsieur, der alles, was ihm nur entfernt ähnlich ist, nicht mag, ist nicht nur eine ausgesprochen passive Natur, sondern innerlich auch zugewachsen, wie Patrick Süskind es in seiner Novelle "Die Taube" bei seinem Protagonisten Jonathan Noel formuliert. Während Monsieur in seiner Unbeweglichkeit feststeckt, zwingen äussere Umstände und seine Ich-möchte-lieber-nicht,-kann-aber-nicht-Nein-sagen-Mentalität ihn immer wieder zum Handeln. Lieber zieht er sich aufs Dach zurück und beguckt sich dort, fern der Gesellschaft, in einem Stuhl sitzend, den sternenübersäten Nachthimmel, worin er jedoch nur Lichtpunkte erkennt, die ihn an das Pariser Metrosystem erinnern. Dort, in Gedanken die ganze Nacht durchwandernd, weit in die Erinnerung des Universums hinein bis zum leuchtenden Himmelsgrund, findet er den Zustand der Seelenruhe, kein Gedanke mehr in seinem Geist, aber sein Geist ist die Welt, die er heraufbeschwört.


"Monsieur" ist ein schmales Buch. Ohne Kapiteleinteilung, dafür mit vielen Absätzen. Ein heiteres Buch, das uns schmunzeln lässt, uns verärgert, uns nachdenklich stimmt. Ein Kinderspiel für Monsieur, das Leben. Wenn es Situationen gibt, in denen wir uns mit ihm identifizieren, dann sind es solche, in denen es uns nicht gelingt, Dinge zu ändern, die wir gerne geändert haben wollten, oder jenes auszusprechen, was uns bewegt, sofern wir es durch unsere Brille der Festgefahrenheit und durch unsere blinden Flecken hindurch denn überhaupt erkennen.

Manchmal nahm Monsieur zur Abwechslung einen Stuhl mit auf das Dach. In der fünften Etage angekommen, kletterte er nach draussen, ging neben die Luke in die Hocke, um den Stuhl nachzuziehen, und setzte sich ein wenig abseits auf ein Flachdach, das bis an die Fassade reichte. Er liess sich im Schutz des Dachvorsprungs nieder und blieb dort ruhig sitzen. Mehr als je zuvor sass Monsieur jetzt ständig auf einem Stuhl. Er verlangte nicht mehr vom Leben, Monsieur, als einen Stuhl. (S. 83)
Das Buch ist heute leider nur noch in französischer Sprache im Verlag Les Editions de Minuit erhältlich. Man müsste in Antiquariaten oder im Gebrauchtbuchhandel nach deutschen Ausgaben Ausschau halten, was sich gewiss lohnen würde. Bleibt zu hoffen, dass es in deutscher Sprache neu aufgelegt wird.

Schreibe einen Kommentar